Die Wächter-Romane sind die in Deutschland wohl bekanntesten Bücher des russischen Authors Sergej Lukianenko. Die ersten beiden Bände der Reihe („Wächter der Nacht“ und „Wächter des Tags“) fand ich sehr gut. Die Bände „Wächter des Zwielichts“ und „Wächter der Ewigkeit“ waren noch unterhaltsam aber doch deutlich schwächer. Es gibt noch eine Kurzgeschichtensammlung, die in Deutschland aber nicht erschienen ist und den Roman „Bewahrer des Chaos“ von Wladimir Wassiljew. Beide habe ich nicht gelesen. Es gibt auch einen Kinoumsetzung.

Nun gibt es den fünften Band „Wächter des Morgens“ von Sergej Lukianenko. Da der Roman in Original „Die neue Wache“ heißt, hatte ich mir erhofft, dass es einen Neustart der Reihe gibt und der Roman wieder an die Qualität der ersten Bände anschließen kann.

Aber zunächst zur Handlung, über die ich nicht allzu viel erzählen will. Denn auch wie in den anderen Bänden liegt der Reiz des Romans in den teils überraschenden Wendungen.

Der Roman beginnt damit das Anton Gorodezki (der Hauptprotagonist, der Bänder 1,3,4) am Flughafen, den Jungen Kescha trifft. Er weigert sich ein Flugzeug zu besteigen, weil er glaub es würde abstürzen. Anton erkennt in dem Jungen einen Propheten, d. h. einen mächtigen Wahrsager, dessen Prophezeiungen immer wahr werden, sobald ein Mensch sie hört. Anton beschließt den Jungen zu retten. Dadurch tritt ein mächtiges, unbesiegbares Zwielicht-Wesen auf den Plan, der im Laufe des Roman „der Tiger“ genannt wird. Die Aufgabe des Tigers scheint es zu sein, einen Propheten zu töten, bevor dessen weltumstürzende Hauptprophezeiung der Menschheit bekannt wird und damit unwiederbringlich geschehen muss.

Der Rest des Romans beschäftigt sich damit, wie es gelingt, den Jungen vor dem Tiger zu schützen. Dabei trifft Anton mit den drei Personen zusammen, denen es in früheren Zeiten gelungen ist den Tiger auszutricksen. Eine diese Personen ist die Hexe Aria (bekannt aus dem 3. Teil). Wie auch schon in den anderen Romanen stellt sich die Sache als wesentlich komplizierter heraus und dass Anton und dessen Tochter Nadja ein Teil der Prophezeiung von Kescha sind.

Der Aufbau des Roman ist der Gleiche wie in den Vorgängerbänden. Die Handlung ist in drei Geschichten eingeteilt, die eine gemeinsame Rahmenhandlung einschließen. Lukianenko lässt sich in diesen Roman etwas mehr Zeit die Geschichte zu entwickeln. In den früheren Romanen gaben viele Ereignisse und Wendungen die teils schnell aufeinander folgten. In diesem Roman gibt es mehr Abschnitte, die nicht direkt etwas mit der Handlung zu tun haben, sondern die heutige russische Gesellschaft und deren kommunistische Vergangenheit kommentieren. Der Handlung entsprechend ist Religion ein großes Thema. Diese Abschnitte sind lesenswert. Auch die Referenzen für russischen Musikszene und Literatur sind sehr interessant. Insofern ist der Roman unterhaltsam und mit den anderen Romanen der Reihe vergleichbar.

Besonders erwähnenswert ist die Band Piknik, die Anton im Roman immer wieder hört. Der Name Piknik bezieht sich auf den Roman „Picknick am Wegesrand“ von den Brüdern Arkadi und Boris Strugazki. Einer der besten Science-Fiction Romane überhaupt, auf den auch sich Lukianenko immer wieder bezieht.

Aber leider hat dieser Roman riesige logische Lücken, sodass ich der Meinung bin, dass die ganze Handlung überhaupt keinen Sinn macht. Es ist immer schwierig in Romanen des phantastischen Realismus eine innere Logik aufrecht zu erhalten. Aber das ist gerade in solchen Geschichten wichtig, denn wenn es alle phantastischen Möglichkeiten gibt, müssen Motive und Handlungen der Personen stimmen, weil sonst alles völlig beliebig ist. Schon in der vorigen Romanen waren Wendungen manchmal etwas Deus ex Machina, aber man konnte noch sagen: Ok. Hier geht das nicht mehr. Leider muss ich jetzt etwas mehr über die Handlung des Romans verraten, wer es nicht wissen will, sollte den nächsten Absatz überspringen.

Die Motive des Tigers machen eine 180° Drehung und passen in beiden Fällen nicht zu den Handlungen. Am Ende wird der Tiger nicht ausgetrickst, aber verschont die Beteiligten (vorerst?), obwohl er vorher alles niedergemacht hat, was sich in seinen Weg gestellt hat. Es wird versucht eine neue Ebene der in den Intrigen der Tag- und Nachtwache einzuführen, die doch sehr konstruiert ist. So hat Geser (der Chef der Tagwache) zu Anfang keine Ahnung wer oder was der Tiger ist, hat aber alles an doch schon Jahrzehnte geplant. Das Flugzeug stürzt nicht ab, obwohl es Kescha prophezeit hat und es damit geschehen muss. Dies fällt zwar Anton auch auf, aber mehr auch nicht. Und das sind nur die groben Lücken, es passt alles nicht zusammen, so auch nicht die Nebenhandlungen um Lass und Aria.

Leider hat mich der Roman enttäuscht. Ich hatte gehofft, er wird so gut wie der erste und zweite Roman der Reihe. Aber leider unterscheidet er sich in der Konzeption nicht von seinem Vorgänger und die Unstimmigkeiten in der Handlung sind zu groß, um darüber hinweg zusehen. Die Lücken und losen Enden lassen darauf schließen, dass noch weiter Romane geplant sind. Vielleicht ist es Absicht, dass alles nicht zusammen passt? Aber ich glaube nicht, dass man die Story wieder hinbiegen kann. Wer die Wächter-Romane noch nicht kennt, sollte die hervorragenden ersten Beiden lesen. Und wer sie kennt sollte es bei denen belassen, die er schon gelesen hat.

Gero

Erstellt am April 12, 2013
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Kategorien: Alles Andere


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