Lügde (lippische Aussprache lautet Lüchte) die Kleinstadt im Weserbergland, noch in Nordrhein-Westfalen, aber an der direkten Grenze zu Niedersachsen, ist hauptsächlich für den Osterräderlauf bekannt. Seit 2012 trägt die Stadt sogar die offizielle Bezeichnung “Stadt der Osterräder”. Jedes Jahr am Ostersonntag rollen brennende Osterräder ins Tal der Emmer hinab.

Der Osterräderlauf ist eine Tradition, aber auch ein Volksfest. Schon am Nachmittag feiern die Menschen, während die Dechen sich intensiv auf das Spektakel vorbereiten. Besucher können entweder auf dem Osterberg den Dechen beim Stopfen der Räder zusehen oder im Tal das Markttreiben genießen. Denn im Ort findet man zahlreiche Essens- und Trinkstände, Karussells und Live-Konzerte.

Lügde im Weserbergland

Blick auf Lügde vom Osterberg

Dechenverein Lügde, Osterräderlauf

Das Stopfen der Räder muss erst erlernt werden, die Lehrzeit dauert 3 Jahre.

DIE OSTERRÄDER – HANDWERKLICHE MEISTERLEISTUNG NACH TRADITIONELLER ÜBERLIEFERUNG

Die Tradition wird vom Dechenverein gepflegt, der ca. 600 Mitglieder umfasst. Die Dechen kümmern sich um den Fortbestand der Tradition. Schon im Mittelalter gab es die Bezeichnung “Kirchendechen”, das waren Personen, die die kirchlichen Riten und Gebräuche überwachten.

Die Räder sind eine Spezialanfertigung. Es gibt nicht viele Materialien, die dem Feuer Stand halten können. Die Räder werden mit einer alten Roggensorte gestopft, die speziell dafür angebaut wird. Gehalten wird alles dank Stricken aus Haselnussruten, denn diese sind so robust, dass sie eine Stunde Feuer aushalten können.

Das Stopfen der Osterräder ist keine einfache Angelegenheit, denn es gibt viele Regeln, die man dabei befolgen muss. Schließlich steht die Sicherheit der Zuschauer bei dem Event im Vordergrund. Ein Stopfer muss eine 3-jährige Lehrzeit durchlaufen, bevor er selbst die Räder stopfen darf. Es passiert auch gelegentlich, dass Personen nicht als Stopfer anerkannt werden. Die Gleichberechtigung scheint bei den Dechen noch nicht ganz angekommen zu sein, Frauen werden zwar in den Verein aufgenommen, bis jetzt gibt es aber keine einzige Stopferin.

Dechenverein Lügde

Die Dechen bei der Arbeit

 

OSTERRÄDERLAUF IN LÜGDE ALS WELTKULTURERBE

In das Inventar des immateriellen Kulturerbes des Landes Nordrhein-Westfalen wurde der Osterräderlauf inzwischen aufgenommen. Der Antrag auf die Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe wurde abgelehnt, jedoch nur weil es zu wenig Belege für das Brauchtum gibt. Mündliche Überlieferungen reichen nicht aus, um als Weltkulturerbe anerkannt zu werden. Doch nun gibt es ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Uni Paderborn. In verschiedenen europäischen Archiven wird nach Belegen des Brauchtums gesucht.

Die Deutsche Märchenstraße, die in der Nähe an der Weser startet, macht einen Schlenker durch Lügde. Denn auch die Gebrüder Grimm haben hier ihren Sagenschatz gesammelt. Der Lügder Köterberg kommt in zwei Märchen vor,  in “Die Springwurzel” und in “Die drei Vögelchen”. Auch über den Brauch der Osterräder haben Gebrüder Grimm recherchiert. Vor 200 Jahren haben sie noch 15 Orte in ganz Mitteleuropa gefunden, wo die Osterräder laufen.

Bis 1743 rollten die Osterräder noch von drei Bergen ins Tal, das muss ein unglaubliches Spektakel gewesen sein. Als die Eisenbahnstrecke gebaut wurde, war das nicht mehr möglich.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Lauf für Propagandazwecke missbraucht. Über Lautsprecher wurden die Besucher über die germanischen Ursprünge der Tradition informiert. Daraufhin richteten die Lügder auf dem Osterberg ein 10 Meter hoches Kreuz auf, um die christliche Tradition zu betonen. Der Brauch wurde immer, ohne Unterbrechung gepflegt. Lediglich 1945 wurde der Osterräderlauf ein Jahr ausgesetzt.

Deche Dieter Stumpe erzählt mit Begeisterung von der Bewahrung der Tradition.

Lügde, Ostwestfalen, Osterräder

Das Rad hinterlässt eine Feuerspur auf dem Berg

 

HEIDNISCH-GERMANISCHE TRADITION DER BRENNENDEN OSTERRÄDER

Herr Stumpe, der PR-Mann des Dechenvereins berichtet, dass die Tradition sehr alt ist, aus heidnisch-germanischer Zeit stammen soll. In der Osterzeit huldigten die Germanen der Frühlings- und Fruchtbarkeitsgöttin Ostara. Einige Osterbräuche und der Begriff Ostern sollen hier ihren Ursprung haben. Ähnlich wie bei den weit verbreiteten Osterfreuern, feierten Menschen so den Frühlingsanfang. Das Feuer sollte Licht in die Dunkelheit bringen. Die erste Überlieferung des heidnischen Brauchs der rollenden Feuerräder stammt von Vincent von Agen aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Dieser berichtet von einem Brauch der heidnischen Gallier, bei dem flammende Räder einen Abhang runter rollen. Auch Karl der Große wird mit der Lügder Tradition in Verbindung gebracht. Karl der Große war im Auftrag der Christianisierung auch viel in Ostwestfalen-Lippe unterwegs. Im Jahre 784 soll er in Lügde gewesen sein, dort wurde ihm von dem heidnischen Brauch berichtet. Er soll entschieden haben, dass der ursprünglich heidnische Brauch in das christliche Fest integriert wird.

Feuerräderlauf Lügde

Das Feuer ist überwältigend, beeindruckend und beängstigend zugleich.

Feuerwerk an Ostern

Den Abschluss des Abends bildet ein fulminantes Feuerwerk.

FAZIT

Der Osterräderlauf ist ein beeindruckendes und sehenswertes Spektakel. Nicht umsonst reisen jährlich Tausende Besucher nach Lügde, um der Tradition beizuwohnen. Die Faszination der rollenden brennenden Räder hat auch nach Jahrtausenden ihren Reiz nicht verloren. Die Spannung und Erwartung war schon den ganzen Tag spürbar. Die Lügder sind stolz auf ihren Brauch. Als endlich die brennenden Räder den Osterberg runtergerollt sind, hatte das Spektakel schon etwas Magisches. Feuer hat die Menschen schon immer fasziniert, gleichzeitig angezogen und geängstigt. Die Macht des Feuers war hier besonders spürbar. Das Feuer knisterte und fauchte, während es den Berg runterrollte. Es rollten insgesamt 6 Räder. Immer wenn ein Rad unten im Tal angekommen ist, wurde es vom Jubel und Klatschen der Zuchauer empfangen.

Möchtet Ihr mehr über den Osterräderlauf lesen? Dann schaut auf Wolfgangs Reiseblog vorbei, er hat das Spektakel vor einem Jahr besucht. Auch ihm hat das Event gefallen.

 

 

Erstellt am Juni 8, 2017


5 Antworten zu “Osterräderlauf in Lügde – Ausflugstipp für Ostern”

  1. shadownlight sagt:

    Hey, die Bilder sind total klasse geworden! Von der Tradition habe ich auch schon viel gehört und gelesen!
    Liebe Grüße!

  2. wir-testen sagt:

    Ich habe von der Tradition noch nichts gehört, aber ich finde, deine Fotos sehen wirklich sehr inspirierend aus. Das könnte ich mir auch mal in Live ansehen.
    Viele Grüße

  3. Martina sagt:

    Sehr schöner Beitrag, ich kenne diesen Brauch. Leider war ich selbst noch nicht dabei. Das muss ja ein Spektakel sein. Vielen Dank für diesen schönen Beitrag, jetzt habe ich mich daran erinnert!

    Liebe Grüße
    Martina

  4. Andreas sagt:

    Unmittelbar neben dem Ort befindetsich die Kilianskirche
    deren älteste Teile auf das Jahr 1100 zurückgehen. An der Kirche steht ein seltsamer Grabstein. Es ist der Grabstein von Matthias Bröker, letzter Scharfrichter von Lüdge. Vorne eine Kreuzigungsdarstellung, hinten drei “Engelsköpfe”. Heute geht man davon aus es handelt sich dabei um die Darstellung von durch Bröker hingerichtete. Von der Kirche aus führt ein Weg zur Hinrichtungsstätte. Dort stand ein Galgen mit “drei Schnüren”. Ob hier einen Zusammenhang zu den Grabsteiköpfen gibt ist unbekannt.. Der Grabstein wurde aus unterschiedlichen Steinen zusammengesetzt. Der vordere Teil soll aus der Kirche stammen, der hintere Teil mit den drei Köpfen wurde vermutlich als Grabstein gefertigt. Die original Kirchenbank von Matthias Bröker steht noch in der Kirche hinter einer Säule versteckt. Der “Herr” sollte vom Altar aus nicht den Henker erblicken.
    Wer bei Google “Sühnekreuz Lügde” eingibt findet weitere
    Infos über den rätselhaften Stein des Scharfrichter Bröker.

    • Burgdame sagt:

      Die Kilianskirche kenne ich, sie ist auch sehr sehenswert. Den Sühnestein kenne ich noch nicht, dabei finde ich gerade Sühnesteine sehr interessant. Familiäre Vorbelastung, denn mein Vater war früher im Verein, der Sühnesteine katalogisiert hat. Danke!

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