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Vor 15 Jahren habe ich die Bücher von Paulo Coelho heiß und innig geliebt. Sobald ein neues erschienen ist, musste ich es haben und diejenigen, die in Deutschland nicht aufgelegt wurden, habe ich mir auf polnisch bestellt. Ich hab sie alle verschlungen. „Der Alchimist“ und „Veronika beschließt zu sterben“ waren die Bücher, die mein frühes Erwachsenenalter begleitet haben.

Irgendwann hat es nachgelassen, ich weiß nicht warum. Was der Auslöser war, kann ich nicht sagen, aber der Hype hat nachgelassen. Die Neuerscheinungen, weiterhin zahlreich, haben mich ziemlich kalt gelassen. Als ich letztens bei Blogg Dein Buch das neue Coelho-Buch entdeckt habe, dachte ich – warum nicht nach Jahren wieder einen Coelho versuchen.

„Untreue“ erzählt die Geschichte von Linda, einer recht erfolgreichen Genfer Journalistin, die ein Bilderbuchleben führt. Sie ist Anfang 30, steht am Beginn einer vielversprechenden Karriere, hat zwei gelungene Söhne und den perfekten Ehemann, der wohlhabend, attraktiv und sehr liebevoll ist.
Trotzdem fängt Linda ein Verhältnis mit einem arroganten Politiker an. Jakob wurde gerade in in den Schweizer Bundesrat gewählt, er lebt in einer ganz anderen Welt. Er hatte schon viele Liebschaften, seine Ehefrau ermuntert ihn sogar dazu und nur seine Karriere in der Politik hemmt ihn, denn die konservative Schweiz ist anders als Frankreich, die Liebesabenteuer der Politiker werden nicht gerne gesehen.

„Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Linda, ich bin 31 Jahre alt, 1,75m groß, wiege 68 Kg und kann mich dank der Großzügigkeit meines Mannes so attraktiv und teuer kleiden, wie ich es nur will. Männer begehren mich. Frauen beneiden mich. Ich lebe in einer Welt, von der viele Menschen nur träumen können.(S. 8)“

*würg* Will ich es wirklich weiterlesen? Eva, Du musst es lesen! Sonst gibt es keine weiteren Rezensionsexemplare. 

Linda fragt sich, ob das Leben, das sie führt, alles ist, was das Leben zu bieten hat. Worüber soll man sich noch Gedanken und Sorgen machen, wenn man alles erreicht hat? Das Buch schildert Lindas Suche nach der Antwort.

Nach dem „ersten Mal“ mit ihrem zukünftigen Liebhaber hat Linda natürlich schlechtes Gewissen, eine Antwort sucht sie in der Kirche, beim Schamanen, beim Psychiater, findet aber nichts. Nur der Seitensprung gibt ihr etwas… etwas Spannung und Aufregung. Linda liebt Jakob nicht und trotzdem fühlt sie sich immer wieder zu ihm hingezogen.

Linda und Jakob führen beide ein Leben zwischen Wichtigsein und Dinnerparties, bei Linda kommt noch die Familie dazu, die trotzdem sehr nebensächlich und trist erscheint. Ich weiß nicht, ob ich schon Bücher gelesen habe, in denen mir die Hauptpersonen so unsympathisch waren. Das Leben, das sie führen, würde mich auch langweilen.    

Das Buch ist moralisch… nein, moralisierend, gespickt mit Pseudospiritualität und Lebensweisheiten eines Ratgebers. Ich glaube, das war auch das, was mir Paulo Coelho fremd gemacht hat. Als ich jünger war, war ich auf der Suche nach Wegen, oder nach Wegweisern, die ich in seinen Büchern fand. Irgendwann hab ich sie nicht mehr gebraucht. Das Buch ist wie Volksmusik – Berge und Wälder in der Schweiz, schöne Menschen…. heile Welt… zwar mit gelegentlichen Stolpersteinen, aber doch sehr glattgebügelt. Außerdem kann man so einen kleinen schmutzigen Fleck auf der weißen Versace-Bluse schnell auswaschen.

Sprachlich ist das Buch recht schlicht, die Sätze sind kurz und leicht verständlich. Es gibt nur wenige Passagen, die mir träge und komplex erschienen. Es ließ sich gut lesen, in nicht mal 3 Tagen hatte ich das Buch durch.

Ein Stern werde ich vergeben…der ist für den wunderbaren Ausflug in die Villa Diodati, in der Byron und Eheleute Shelley sich den Horrorgeschichten widmeten. In einigen Passagen vergleicht sich Linda mit dem Monster von Frankenstein oder Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Ansonsten fand ich das Buch völlig überflüssig. Empfehlen würde ich es keinem, aber aufgrund der vielen sehr guten Bewertungen bei Amazon scheint es durchaus Menschen zu geben, die es gut finden.

Das folgende Zitat ist für mich eine würdige Beschreibung des Werkes.

„Die ganzen Ratgeber und auch das Dutzend anderer kluger Bücher, die ich gelesen habe, führen letztendlich zu nichts. Sie hatten eine sofortige Wirkung, die aber verpuffte, sobald ich die Bücher wieder beiseite gelegt hatte. Worte, Sätze, die eine ideale Welt beschreiben, an die nicht einmal jene glauben, die sie geschrieben haben.(S. 89)“

Danke an Blogg Dein Buch und den Diogenes-Verlag*, dass mir das Buch kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt wurde. Das Buch ist im Buchhandel und beim Diogenes-Verlag für 19,90 € erhältlich.

*Link zum Verlag

Erstellt am Dezember 21, 2014
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4 Antworten zu “„Untreue“ von Paulo Coelho”

  1. Ein Stern für das Buch, 5 Sterne für deinen Post! Ich glaube eines der Bücher habe ich auch noch ungelesen auf meinem Stapel. Ich glaube vor jedem nächsten Bücherkauf frage ich erstmal bei dir nach. Bitte für nächstes Jahr vormerken: Ich wünsch mir von dir einen Büchergeschenkeguide, also Tipps für die Freundin, den Bruder etc! LG, Andrea

  2. Maegwin sagt:

    Danke!
    Tja, wenn das mit dem Ratgeber so einfach wäre… Geschmäcker sind eben sehr verschieden. Das siehst Du ja schon an den vielen 5 * Bewertungen für den Coelho bei Amazon.

  3. Lotti. sagt:

    5 Sterne für das Buch kann ich auch absolut nicht verstehen 😀 Gute Rezension.

  4. OktoberKind sagt:

    Ich konnte mich mit Coelho trotz einiger Versuche nie anfreunden. "Untreue" habe ich dann doch gelesen und fand es grottenschlecht – dieser Schreibstil ging mir furchtbar auf die Nerven!
    Deine Review bestätigt mich in meinem Urteil.

    LG, OktoberKind 🙂

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