Wenn ich verreise, sind Friedhöfe ein sehr beliebtes Ziel, das habt Ihr natürlich schon festgestellt. Auch jüdische Friedhöfe haben eine besondere Anziehungskraft auf mich, sie sind so geheimnisvoll, die Sprache und die Symbolik sind mir fremd, daher so faszinierend.

Letztes Wochenende haben wir Hamburg besucht, der eigentliche Grund war ein Tori Amos Konzert, aber Zeit für ein Friedhof hatten wir selbstverständlich auch. Auf dem Jüdischen Friedhof in Altona haben wir eine Führung mitgemacht – die Führung hat 2,5 Stunden gedauert und es war eine der interessantesten Führungen, die ich je mitgemacht habe. Ich hab mir viele Notizen gemacht, der heutige Post ist das Ergebnis.

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Der Jüdische Friedhof in Altona ist einmalig. Es ist nicht nur der größte jüdische Friedhof in Hamburg und der größte iberisch-jüdische Friedhof Nordeuropas, es ist der einzige jüdische Friedhof weltweit, auf dem sowohl Sepharden als auch Aschkenasen beerdigt sind. Wegen der großen Anzahl erhaltener Grabsteine gilt er als einer der bedeutendsten jüdischen Friedhöfe der Welt. Angelegt wurde er 1611, die letzte Bestattung fand dort 1869 statt. 1869 wurde der Friedhof geschlossen, nicht aber, weil er überfüllt war, sondern weil das Grundwasser angestiegen ist und dort keine Beerdigungen mehr stattfinden konnten.
Seit 1960 steht der Friedhof unter Denkmalschutz, es gibt Bestrebungen, dass er zum UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen werden soll.

Die Sephardim oder Sepharden (Sefarad – hebräisch für Spanien) sind Juden die auf der iberischen Halbinsel lebten. Ihre Kultur war sehr iberisch-geprägt und unterschied sich sehr von den aschkenasischen Juden. Im 14. Jahrhundert kam es auf der iberischen Halbinsel zum Progrom. Die Juden wurden von den katholischen Königen Ferdinand II und Isabella I wurden damals vor die Wahl gestellt, auszuwandern oder zu konvertieren. Einige wanderten aus, sehr viele übernahmen aber den christlichen Glauben, den sie aber mit jüdischen Bräuchen vermischten. An die 100 Jahre später kam es zu einer zweiten Verfolgungswelle in Portugal und Spanien, auch konvertierte Juden wurden zu Opfern.

Nach deren Vertreibung siedelten sich viele der Sepharden in den Niederlanden, Frankreich, Italien oder in Norddeutschland an. Die Kultur und Sprache der zwangsgetauften Juden waren iberisch und ihre Religion und Symbolik war christlich geprägt, wie ihr gleich an den unterschiedlichen Friedhöfen sehen werdet. Sie benutzten die lateinische Schrift.

Aschkenasim oder Aschkenasen (Aschkenas – hebräisch für Deutschland) das sind Juden aus Ost- und Mitteleuropa, deren religiöse Traditionen sich von den Sephardim stark unterscheiden. Sie sprachen jiddisch und verfassten ihre Texte auf hebräisch. Im Gegensatz zu den Sephardim behielten sie sowohl ihre Sprache als auch ihre Schrift bei.

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Der aschkenasische Teil

Die aschkenasische Seite wurde zwei Jahre später als die sephardische Seite errichtet, der älterste Grabstein auf der aschkenasischen Seite stammt aus dem Jahre 1621.

Die Gräber vieler berühmter Rabbiner findet man hier, von denen ich leider keinen kenne – was allerdings nicht schwer ist, da Rabbi Löw (der Golem-Erschaffer) der einzige Rabbiner ist, den ich kenne. Der ist übrigens in Prag begraben, sein Grab hab ich auch schon besucht. Einige der Rabbiner zählen zu den wichtigsten jüdischen Theologen des 18. und 19. Jahrhunderts. Heute noch werden diese Gräber von späteren Rabbiner-Schülern besucht – das erkennt man an den Laternen, die am Grab stehen oder an Gebetszetteln, die mit Steinen an Gräbern befestigt werden.

Die Vorderseite der Gräber zeigt immer in die gleiche Richtung, nach Jerusalem, denn die Toten sollen am Tag der Auferstehung in Richtung Jerusalem schauen.

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Ein jüdischer Grabstein ist ähnlich aufgebaut, wie ein christlicher, er enthält aber meist noch mehr Informationen über den/die Toten. Die obersten zwei Zeichen stehen für “Hier ruht…”, dann kommt der Name des Toten und die Angabe wessen Sohn/Tochter und wessen Ehemann/Ehefrau der Tote war, manchmal steht auch der Beruf auf dem Grabstein oder eine besondere Stellung.

Eine Halbsäule findet man meist auf Gräbern von sehr jung verstorbenen Menschen.

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Die zwei zum Segen ausgebreiteten Hände zeigen, dass das Grab einem Kohen (Kohanim) gehört, einem Hohepriester, der höchsten religiösen Autorität der Juden. Die Kohanim gelten als die direkten Nachfahren von Aaron, dem Bruder Moses, daher dürfen nur sie den Aaronitischen Segen sprechen, bei dem diese Handhaltung vorgegeben ist.

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Die Kanne auf den Grabsteinen ist eine Levitenkanne, sie ist ein Symbol für Waschungen, die zur Herstellung der kultischen Reinheit durchgeführt werden. Die Leviten sind einer der Stämme Israels, eine jüdische Untergruppe. Die Leviten stehen unter den Kohanim.

So sieht die Levitenkanne in Realität aus, sie hat zwei Henkel – einen für die rechte und einen für die linke Hand, den einen fasst man mit der “unreinen” Hand an und den anderen mit der gesäuberten.

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Die Größe eines Grabsteins hat nichts mit dem Alter oder der Stellung einer Person zu tun, sie sagt lediglich, wie wohlhabend der Tote war.

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An einer Feder und/oder einem Buch erkennt man das Grab eines Schriftgelehrten oder eines Schreibers.

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Selten findet man auch Tiergestalten auf den Grabsteinen, diese sollten jedoch keine Abbildungen der Tiere darstellen, da Grabbilder, bis auf die traditionellen Symbole, verboten waren. Die abgebildeten Tiere stehen im Zusammenhang mit dem Namen des Toten, z. B. Hirsch oder Gans.

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Das Schofar (Widderhorn) ist ein rituelles Musikinstrument, welches bis heute in den Synagogen genutzt wird. Ein Schofar steht symbolisch für die geplante Opferung des Isaak durch Abraham an Gott, statt Isaak wurde ein Widder geopfert, dessen Hörner sollen Gott an das Leiden Israels erinnern.

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Der sephardische Teil

Die sephardischen Grabsteine sind traditionsgemäß liegend, manchmal auch in Pyramidenform.
Die Sephardim konnten ihre jüdische Religion nicht frei ausüben, sie waren daher mit den jüdischen Begräbnisbräuchen nicht vertraut und hatten auch keine eigenen Steinmetze. Die Grabsteine wurden von christlichen Steinmetzen gefertigt. Neben hebräischen hatten die Grabsteine auch portugiesische, spanische, englische oder deutsche Inschriften

Der älterste Grabstein auf der sephardischen Seite ist übrigens genau so alt wie der Friedhof, er stammt aus dem Jahre 1611.

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Blumengebinde, Pflanzenranken oder Rosetten sind beispiele übernommener christlicher Grabkunst. Auch Schädel als Auch Memento Mori Symbole sind dort häufig zu finden, z. B. Schädel, Engel oder Stundengläser mit Engels- oder Fledermausschwingen. Ein beliebtes Symbol ist eine aus den Wolken herausragende Hand, die den Lebensbaum fällt oder die “Lebensrose” abschneidet.

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Die kleinen Friedhofsbewohner müssen bei mir auch immer verewigt werden.

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Neben vielen jüdischen Schriftgelehrten findet man in Altona Gräber weiterer berühmter Personen, z. B. von Samson Heine, dem Vater von Heinrich Heine oder von Fromet Mendelsohn geb. Gugenheim, der Ehefrau des Philosophen Moses Mendelsohn.

Von der Bankiersfamilie Warburg findet man ca. 50 Gräber auf dem askenasischen Teil.

Die Familie der Chronistin Glückel von Hameln liegt hier. Glikl bas Judah Leib, genannt Glückel von Hameln (1646-1724) war eine jüdische Kauffrau und die allererste Frau, die eine Autobiographie schrieb. Für ihre Nachkommen schrieb sie Tagebücher, die heute eine der wichtigsten Quellen über das damalige jüdische Leben sind. Ihre Großmutter und eine Tochter sind in Hamburg begraben.

Die jüdischen Friedhöfe werden für die Ewigkeit angelegt, die Gräber werden nicht wie bei den Christen nach einigen Jahrzehnten geebnet.

Erstellt am Juni 14, 2014


12 Antworten zu “Jüdischer Friedhof in Hamburg – Altona”

  1. Annie sagt:

    Das war ja mal ein interessanter Post! Ich glaube ich habe gerade etwas gefunden, dass ich mir unbedingt ansehen muss wenn ich mal wieder in Hamburg bin.
    Vor allem für mich als Geschichtsstudentin war das gerade ziemlich interessant und vor allem faszinierend wie erhalten der Friedhof ist. Ich war in Polen auf verschiendenen jüdischen Friedhöfen und einer davon war nicht mehr im "Orginal" erhalten durch die Zerstörung durch die Nazis.
    Hast du zufällig eine Ahnung was mit diesem hier in der Zeit der Nazi-Herrschaft passiert ist? (Typische Frage für eine Geschichtsstudentin glaub ich)

    Liebe Grüße

  2. Rob Joseph sagt:

    Ein wirklich interessanter Post.
    Gut gemacht 🙂
    Joe.
    http://deathisart.blogspot.de/

  3. irrlicht sagt:

    Einen jüdischen Friedhof wollte ich immer schon mal ansehen, mit deinem interessanten und informativen Post hast du mir noch mehr Lust darauf gemacht. Außerdem sind die Eichhörnchen äußerst putzig. 😉

  4. Vielen Dank für deinen interessanten Bericht, wie immer mit vielen ausdrucksvollen Fotos. Er passt gut zu dem Roman, den ich erst kürzlich beendet habe, denn da habe ich auch schon einiges über jüdische Friedhöfe und Begräbnisse erfahren.
    LG
    Susanne

  5. irgendwie hat es immer was gruseliges an sich, aber auch beruhigend. ich kann mich bei grabsteinen jedoch nicht so entspannen.
    trotzdem, tolle bilder!
    liebe gruesse!

  6. Etego Fallor sagt:

    Wow, ein toller Post..!!

    Ich habe in meiner Schulzeit selbst in einer AG "Jüdischer Friedhof" in meiner Heimatstadt mitgearbeitet und liebe kaum etwas mehr als die grandiose, friedvolle, mystische, geschichtsträchtige Athmosphäre von jüdischen Friedhöfen.. Ich merke grad, wie sehr ich das vermisse…

    Liebe Grüße
    http://et-ego-fall0r.blogspot.de

  7. ^.^ sagt:

    Ganz wunderbarer Post, Maegwin … Love, cat.

  8. Sionnaigh sagt:

    Sehr schöner Post.
    Tolle Bilder.
    Schön geschrieben.
    Ein Gruß aus der Heimat für mich.
    Vielen Dank fürs Teilen.

  9. Maegwin sagt:

    Während der Nazi Zeit war der Friedhof teilweise zerstört, die Grabsteine wurden aber wieder ausgegraben, manchmal auch irgendwo wiedergefunden und aufgebaut.

  10. Michaela sagt:

    Unglaublich spannend, unglaublich toll… Danke für diese fülle an Informationen, Hintergründe und Bilder. Ich liebe Geschichte in jeder Form. Danke für diesen Hammer Beitrag!

  11. Rostrose sagt:

    Liebe Maegwin,
    mir gefällt ja auch schon der jüdische Teil des Wiener Zentralfriedhofs gut – doch dieser Ort mit all seinen wirklich uralten Steinen, der hat noch um einiges mehr zu bieten.Ich war auch verblüfft, Totenschädel & Co auf jüdischen Grabsteinen zu sehen (und ihre spezielle Form) – durch deine Erklärungen hab ich wieder einiges dazugelernt! Hast du eigentlich bei meinem Kroatien-Reisebericht den Friedhof von Dubrovnik gesehen? Nicht annähernd so alt wie dieser hier – aber als wir dort waren, musste ich doch auch an dich und deine Friedhofsleidenschaft denken.
    Alles Liebe, Traude

  12. Tante Mali sagt:

    Liebe Maegwin,
    oh wie wundervoll, friedlich, still und auch verträumt. Ich liebe jüdische Friedhöfe! Sie haben für mich immer auch etwas archaisches, warum auch immer!
    Danke für das schöne Post
    Elisabeth

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