Normalerweise hätte ich diesen Büchern nicht einen Blick gewürdigt… „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ … mit dem Untertitel „Vaterländischer Roman“ – was für ein altbackener, spießiger und uninteressanter Titel und dann der Autor! Willibald Alexis klingt für mich eher nach einem volkstümlichen Jodler, der Scharen von älteren Damen beglückt, wenn er in Seppelhosen auf der Bühne steht und vom reizenden Alpenherzblatt singt.

Aber manchmal kommt es anders… diese Bücher hat mir ein Kollege überlassen, dessen Empfehlungen ich sehr vertraue. Wir haben uns über Walter Scott unterhalten und er erzählte, dass es einen deutschen Schriftsteller gibt, der seinen ersten Roman als eine Übersetzung eines Werkes von Walter Scott verkaufte – und die Menschen haben es ihm abgenommen. Mein Interesse war geweckt! Und da mein Kollege einige Bücher von Willibald Alexis doppelt hatte, hat er sie mir überlassen – also muss ich sie natürlich lesen. 
Bevor ich etwas über die Bücher schreibe, möchte ich den Autor kurz vorstellen – heutzutage sind sowohl er als auch seine Bücher nahezu vergessen, zumindest ich hab bis dato nichts von ihm gehört und auch bei Amazon oder sonst im Netz findet man kaum Informationen über die ihn und seine Werke. Auch das ist ein Grund, warum ich den Post verfasse. 
Willibald Alexis (1798-1871) hieß eigentlich Georg Wilhelm Häring, aber um Witze über seinen Namen „Hering“ zu vermeiden, nahm er ein Pseudonym an. Die lateinische Übersetzung von Hering ist angeblich Alex, seine Kommilitonen gaben ihm diesen Namen. Alexis gilt als Begründer des realistischen historischen Romans in Deutschland. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann Herr Alexis eine Beamtenlaufbahn, die er jedoch für die Schriftstellerei beendete. Zuerst schrieb er für Zeitschriften und betätigte sich als Übersetzer, u. a. der Werke von Walter Scott. Daher wahrscheinlich die Idee, seinen ersten Roman, der sich stark an Walter Scott orientierte, als sein eigenes Werk auszugeben. Willibald Alexis schrieb eine Fülle von Romanen, aber auch Erzählungen und Balladen. Seine Reihe der „Vaterländischen Romane“ gehört zu seinen besten Werken, die Reihe behandelt verschiedene Abschnitte der preußischen Geschichte vom 14. bis zum 19. Jahrhundert. (Quelle: wikipedia.de)
Das Buch „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ erschien 1852, es spielt jedoch ca. 50 Jahre früher, in der Zeit des Krieges zwischen Preußen und Napoleon Bonaparte. Der Haupthandlungsort ist Berlin und das preußisch-brandenburgische Umland, König Friedrich Wilhelm III und Königin Luise von Mecklenburg-Strehlitz sind an der Macht. Die Protagonisten stammen hauptsächlich aus dem mehr oder weniger wohlhabenden Großbürgertum und aus Adelskreisen, sie treffen sich in Salons und diskutieren über die Welt, den Krieg, über Politik, Literatur und Kunst. Bekannte Persönlichkeiten sind oft mit von der Partie, z. B. Johann Gottfried Schadow, Jean Paul oder Freiherr von Stein.  Nebenbei spielen sich große Liebschaften und kleine und große Tragödien ab. 
Die Hauptperson ist Adelheid Alltag, eine junge und unschuldige Schönheit aus eher ärmlichen Verhältnissen. Adelheid lebt in einer idyllischen Welt, doch ihre Eltern möchten ihr Bildung und Zugang zu höheren Kreisen ermöglichen, damit sie irgendwann eine gute Partie machen kann. So kommt Adelheid in die Obhut einer Obristin. Diese Betreibt aber ein Bordell und will Adelheid dafür gewinnen. Im Haus der Obristin trift Adelheid zum ersten Mal auf Louis Bovillard, der sie im betrunkenen Zustand überfallen will. Ihr gelingt die Flucht und Bovillard wird zunächst von Adelheid verachtet. 
Die nächste Station von Adelheid ist das Haus der Geheimrätin Lupinus, dort verliebt sie sich in ihren Hauslehrer Walter van Asten. Doch mit der Zeit merkt sie, dass ihr Herz eigentlich für den draufgängerischen und aufregenden Louis Bovillard schlägt und nicht für den verträumten und braven Walter van Asten. Die Geheimrätin Lupinus ist auch bald genervt von der Gesellschaft Adelheids. Während einiger Abendgesellschaften konnte die Geheimrätin Lupinus sich mit der Gesellschaft des schönen Mädchens rühmen, doch bald wird sie ihr lästig und die Geheimrätin versucht sie zu vergraulen. Adelheid zieht zur Fürstin Gargazin und später wird sie sogar in den Hofstaat der Königin Luise von Preußen aufgenommen. 
Adelheid merkt relativ schnell, dass sie für die wichtige und reiche Gesellschaft nur ein Spielzeug ist, dass ihre Person sehr unwichtig ist. Daher fühlt sie sich von Louis Bovillard so gut verstanden, der resigniert an der Gesellschaft zweifelt. 
Die zwei Bände von „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ sind insgesamt ca. 1300 Seiten lang… das war der erste Grund, warum ich fast 4 Wochen mit diesen Büchern verbracht hab. Der zweite Grund ist die Sprache, sie ist wunderschön und alt, aber kompliziert und verschachtelt. Ich konnte nicht ansatzweise so schnell lesen wie ich es in der Regel tue. Hier musste man jedes Wort und jeden Satz lesen… und genießen. 
Nach 150 Seiten war ich überzeugt, dass ich das Buch nicht zu Ende lesen werde, es war so kompliziert, bei den vielen Personen bin ich nur schwer durchgestiegen und die vielen Dialoge über Krieg und Politik haben mich gelangweilt. Aber dann….
„Aber die dritte, die Elfenkönigin! Wie frei schaute ihr blaues Auge, frei wie die Kornblumen, blau wie der Himmel, aus der freien Stirn. Wie leicht bewegte sie sich, wie anders atmete sie die Luft ein; nicht als gehöre die Welt ihr, aber als nehme sie freudig ihren Tribut hin von Licht und Luft, von Farbe und Atem. (…) Ein dichter Kornblumenkranz war auf ihr blondes Lockenhaar gedrückt, und eine Mohnblume, aber keine rote, die hätte nicht hierhergepasst, eine seltene, volle, weiße glänzte als Diamant über ihrer Stirn. Eine andere Girlande von Kornblumen hing wie eine Schärpe. (…) So traten die Elfen auf den kleinen freien grünen Platz drüben am Rande.“
Das ist die Stelle, als Walter zum ersten Mal Adelheid erblickt. Er sitzt mit seinem Freund Louis Bovillard am See und sie treffen dort auf Adelheid und ihre Freundinnen. Seit dem Augenblick warte ich, das Adelheid und Walter zusammen kommen – ich war von Anfang an Team Walter und nicht Team Louis. Da ich glaube, dass kaum einer von Euch das Buch lesen wird, kann ich das Ende vorweg nehmen: der verwundete Bovillard stirbt in den Armen von Adelheid, wenige Augenblicke nachdem sie ihn geheiratet hat. 
Hier ist auch ein Einblick in die Sprache von Willibald Alexis, die Sätze sind lang und verschachtelt, die Sprache ist ausschweifend und komplex – aber wie schon oben erwähnt, wunderschön. Ich habe das Lesen sehr genossen. Ich habe viel über die Gesellschaft der damaligen Zeit gelernt, denn die manchmal doch reißerische Geschichte war in ausführliche Informationen über die damalige Gesellschaft und das aktuelle Zeitgeschehen verpackt. Manchmal hat mich das Buch an Tolstoi erinnert, manchmal an Jane Austen. Ich habe die Bücher sehr genossen und bin überzeugt, dass es nicht mein letztes von Willibald Alexis wird. 
Der Roman „Isegrim“ von Willibald Alexis ist eine Fortsetzung von „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“, auch wenn die Bezüge der beiden Romane zueinander eher locker sind. 
Erstellt am August 4, 2013
Schlagworte:


Eine Antwort zu “„Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ von Willibald Alexis”

  1. Mistophelles sagt:

    Hallo!

    Du hast einen unglaublchen Blog, wunder- wunderschön!

    Und Tees – was für eine Leidenschaft für das getrocknete Blatt 🙂 außerdem gefällt mir die Verbindung mit Büchern 😉

    Hab mich auf jeden Fall sofort verliebt!

    LG mistophelles (mistophelles.blogspot.com)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.