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*Pressereise*
Die Bauhaus-Zentren Dessau und Weimar kennen vermutlich alle, die sich für Bauhaus interessieren. Doch doch Bauhaus in Niedersachsen zählt zu den Geheimtipps. Zwischen Hannover und Nordhessen kann man einige Meilensteine des Bauhauses finden. Bedeutende Bauwerke, wie das erste Gebäude von Walter Gropius, dem Bauhaus-Gründer kann man in Alfeld bewundern. In Celle kann man eine Vielzahl von Bauhaus-Häusern entdecken. Und sogar das Bergwerk Rammelsberg in Goslar ist nach den Bauhaus-Prinzipien erbaut, obwohl die Gebäude von Nazis erbaut wurden. Denn hinter der traditionellen Holzverkleidung ist Bauhaus versteckt. Begleitet mich heute auf den Spuren des Bauhauses durch Niedersachsen. 

Bauhaus in Celle, Bauhaus in Niedersachsen
Die Wohnsiedlung „Italienischer Garten“ in Celle

Über Bauhaus

Mein Verhältnis zu Bauhaus ist eher gespalten. Schön finde ich die Entwürfe nicht, faszinierend aber umso mehr. Ihr müsst Euch mal vorstellen, 10-20 Jahre früher war der filigrane und ornamentreiche Jugendstil und der prunkvolle und wuchtige Historismus angesagt. Und dann der Bruch – und nur noch Schlichtheit, Funktionalität und klare Linien. Es war eine Revolution! Es war kein fließender Übergang, sondern etwas völlig anderes. Was mich fasziniert, ist die radikale Veränderung. Es ist eine totale Wandlung der Kunst, der Architektur und des Designs.

Auch hat das Bauhaus sehr unsere heutige Architektur beeinflusst, die Prinzipien werden immer wieder umgesetzt. Klare Linien, kubistische Formen, viel Licht, viel Weiß und nur die Grundfarben – das sind Elemente, die heute, 100 Jahre später immer noch unglaublich beliebt sind. Es gibt vermutlich keine Kunstbewegung, die so gut zu dem heute angesagten Minimalismus passt. Mein Mann ist ein großer Bauhaus-Fan, daher hatte ich schon viel Gelegenheit mich mit der Kunstrichtung auseinander zu setzen. Und je mehr ich darüber weiß, umso interessanter finde ich sie.

Bauhaus in Celle

Der Architekt Otto Haesler

Otto Haesler (1880-1962) gehört neben Walter Gropius zu den wichtigsten deutschen Vertretern der Stilrichtung des “Neuen Bauens”. Er hat sich vor allem dem sozialen Wohnungsbau verschrieben und wollte das soziale Leben in den Wohnsiedlungen fördern. Er wollte bezahlbaren Wohnraum schaffen, der aber ästhetisch und wohnbar war. Seine Bauwerke kennzeichneten klaren Linien und viel Glas, außerdem nutze er nur die Grundfarben. Die innovativen Entwürfe machten Otto Haesler überregional berühmt. 1930 bekam er sogar das Angebot, Direktor der Bauhaus-Universität in Dessau zu werden. Doch Haesler lehnte das Angebot ab und blieb in Celle. In seinem Celler Architektenbüro beschäftigte er aber Bauhausschüler, darunter auch die einzige Frau Katt Both. 1934 schloss Haesler sein Seller Büro, weil er von den Nazis angefeindet wurde. Er übernahm Projekte in Norddeutschland und später in Polen. In Celle gibt ca. 50 Häuser im Bauhausstil, alle Bauwerke von Otto Haesler stehen heute unter Denkmalschutz.   

Bauhaus-Museum – Otto Haesler Museum und das Blumläger Feld 

Im Otto-Haesler-Museum erfährt man nicht nur etwas über den Werdegang des Architekten und die Ideen der Bauhaus-Bewegung. Hier kann man sehen, wie die arme Bevölkerung gelebt hat, wie die Lebens- und Arbeitsbedingungen damals waren. Im Museum kann man original eingerichtete Wohnungen der Arbeiter besichtigen. Es waren Kleinstwohnungen, dennoch hell und praktisch und alle mit einer Zentralheizung ausgestattet. 

Die Siedlung Blumläger Feld hat Haesler als Wohnungen für arme Arbeiter konzipiert. Die Siedlung liegt direkt neben dem Museum. Früher war es eine Wohnsiedlung für Lungenkranke und ihre Familien, mit einer Terrasse nach Süden. Haesler war selbst seit seiner Kindheit lungenkrank, daher waren ihm die Bedürfnisse der Menschen bekannt. 

Bauhaus in Celle, Bauhaus in Niedersachsen
Die Wohnsiedlung Blumläger Feld wurde ursprünglich für Lungenkranke erbaut.

Altstädter Schule 

Diese Schule soll zu den internationalen Top 10-Bauhaus-Gebäuden zählen. Im Volksmund wird sie die Glasschule genannt, weil sie 1800 Fenster hat. Der ganze Bau wird von Licht, Luft und Sonne geprägt. Der Bau ist so bedeutend, dass die Schule regelmäßig von internationalen Gruppen besucht wird.

Bauhaus in Celle, Bauhaus in Niedersachsen
Die Altstädter Schule in Celle wird auch Glasschule genannt.

Ehemalige Direktorenvilla – heute Galerie 

Das Wohnhaus im Bauhaus-Stil wurde ursprünglich für den Direktor des Gymnasiums Ernestinum gebaut. Der Direktor war mit dem Bauwerk angeblich gar nicht glücklich, deutlich lieber hätte er in einer traditionellen Villa gelebt. Seit 2006 ist die Direktorenvilla eine Galerie, doch im Rahmen des Bauhaus-Jahres ist auch hier eine Bauhaus-Ausstellung zu sehen. 

Bauhaus in Celle, Bauhaus in Niedersachsen
Die Direktorenvilla wurde für den Direktor des Gymnasiums erbaut, doch dem war Bauhaus viel zu modern.

Kaffeehaus Kiess & Krause 

1871 erbaut, wurde das Kaffeehaus 1928 von Otto Haesler neu gestaltet, natürlich nach den Prinzipien des Bauhauses. Gleichzeitig ist es aber mit zeitgenössischen Elementen versehen, einer Zitatwand und einer kleinen Bauhaus-Ausstellung. Hier sind sogar die Toiletten im Bauhaus-Stil.

Italienischer Garten

Die bunte Siedlung ist ganz von Otto Häsler entworfen. Die Häuser sind bis heute sehr beliebt und die knalligen Farben rot und blau sind ein Hingucker. Schon direkt nach dem Erbauen der Siedlung waren die Häuser so gefragt, dass es kein Sozialbau wurde. Mittlere Beamte und Lehrer zogen dort ein. 

Bauhaus in Celle, Bauhaus in Niedersachsen
Die bunte Bauhaus-Siedlung „Italienischer Garten“.

Bauhaus-Führungen durch Celle

Es gibt eine Vielzahl von Bauhaus-Führungen in Celle. Man kann die Stadt zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden. Besonders sind aber die Bauhaus-Segway-Touren oder die “Barock trifft Bauhaus-Bahn”.  Informationen, Tourenvorschläge, Termine und Preise könnt Ihr von der Webseite Celle Tourismus entnehmen.

Bauhaus in Alfeld – UNESCO-Welterbe Fagus-Werk

Kann ein Industriebetrieb mit laufender Produktion gleichzeitig ein Museum sein? Das Fagus-Werk sind es. Diese Fabrik gilt als der Ursprung der modernen Industriearchitektur, sie ist daher seit 2011 UNESCO-Weltkulturerbe. Produktion findet aber bis heute hier statt. Es ist die einzige Welterbestätte, wo bis heute produziert wird.

Die Fabrikanlage ist das erste große Projekt des damals noch unbekannten jungen Architekten Walter Gropius – dem späteren Bauhaus-Gründer. Bauhaus beginnt in Alfeld, nicht in Weimar oder in Dessau

Bauhaus in Niedersachsen
Der erste Entwurf von Walter Gropius – die Fagus-Weke

Carl Benscheidt war ein Unternehmer, der Innovationen sehr offen gegenüber stand. Deswegen gründete er eine Fabrik, wo Schuhleisten nach neuesten orthopädischen Erkenntnissen produziert wurden. Für den Bau beauftragte er Gropius, der damals revolutionäre Ideen hatte. Die Bauwerke waren tatsächlich etwas absolut Neues, denn wie schon oben erwähnt, um die Jahrhundertwende waren verschnörkelte Bauten im Stil des Historismus oder des Jugendstil beliebt. Bauhaus ist das Gegenteil davon. Benscheidt und Gropius waren unglaublich mutig

Im ehemaligen Lagerhaus des Werkes befindet sich auf 5 Etagen der museale Teil. Das ist die Fagus-Gropius-Ausstellung, wo man die Geschichte des Unternehmens kennen lernt und auch etwas über die Geschichte von Walter Gropius und die Entwicklung des Bauhauses erfahren kann. Das Besucherzentrum ist eher interaktiv gestaltet, an verschiedenen Stationen kann der Besucher sich nicht nur informieren, sondern auch selber gestalten und ausprobieren. 

Die Betriebskantine im ehemaligen Maschinenhaus ist für alle Besucher zugänglich, daher kann jeder hier günstig Café und Kuchen oder ein Mittagessen erwerben. 

Die Fabrikanlage ist täglich von 10.00-17.00 Uhr für Besucher geöffnet. 

Anschrift

UNESCO-Welterbe Fagus-Werk 
Hannoversche Straße 58
31061 Alfeld 
05181/790
info@fagus-werk.de
www.fagus-werk.com

Bauhaus in Niedersachsen
Viele Elemente, die für Bauhaus typisch sind, tauchen hier zum ersten Mal auf.

Bauhaus in Goslar – UNESCO Weltkulturerbe Rammelsberg Museum und Besucherbergwerk

Das ehemalige Erzbergwerk Rammelsberg in Goslar gehört auch zum UNESCO Weltkulturerbe, fast 1000-jährige Bergbaugeschichte kann man hier erleben. Es ist eins der ältesten Bergwerke Europas oder sogar der Welt. Schon bevor es Bergbau gab wurde hier Gestein abgebaut, die ersten Nachweise sind 3000 Jahre alt. Kupfer, Blei, Zink und Silber wurden hier abgebaut. UNESCO-Weltkulturerbe wurde Goslar aber nicht nur wegen dem Bergwerk, zum Welterbe gehört auch die Fachwerk-Altstadt und die Goslarer Wasserwirtschaft

Bauhaus in Niedersachsen
Von Außen Tradition – dahinter Moderne

Die Übertage-Bauten aus den 30-er Jahren sind nach dem Bauhaus-Prinzipien mit klaren Linien, Symmetrie und viel Stahl und Glas erbaut. Die zwei Architekten Fritz Schupp (1896-1974) und Martin Kremmer (1894-1945) gehörten beide zu den Vertretern des neuen Bauens, spezialisiert waren sie auf Industrieanlagen. Warum sehen aber die Gebäude aber nach Berghütten aus? Die Gründe findet man in der Zeit des Nationalsozialismus. Moderne Bauweise war damals nicht erwünscht, traditionelle Bauwerke wurden gefördert. Daher wurden die Stahlkonstruktionen des Gebäude mit Holz verdeckt. Die NSDAP wollte ein Bergwerk im historischen Stil, im Einklang mit der Berglandschaft haben. Der Heimatstil ist hier nur vorgetäuscht, im Inneren sind die Gebäude nach den Prinzipien der Moderne errichtet. 

Für alle Cineasten noch die Info, dass Teile des Films “Monuments Men”* mit George Clooney, Matt Damon, Bill Murray, Hugh Bonneville und Cate Blanchett hier im Bergwerk gedreht wurden. Rammelsberg war Schauplatz für die Grube, in der die Madonna des Michelangelo gerettet wurde. 

Hoteltipp für Einbeck – FREIgeist Hotel

Nach den Bauhaus-Prinzipien ist das moderne FREIgeist-Hotel nicht erbaut. Da es aber nur 15 Km von Alfeld entfernt liegt, ist diese absolut individuelle Übernachtungsmöglichkeit vielleicht für einige Leser interessant. Die FREIgeist Hotels haben immer bestimmte Mottos, sie greifen die Themen der Umgebung auf. In Einbeck ist der PS.Speicher themengebend. Das interaktive Fahrzeugmuseum PS.Speicher ist inzwischen zu einem überregional beliebten Besuchermagneten geworden – ein Besuch hier lohnt sich auch für die Personen, die sich nicht für Autos oder Fahrzeuge interessieren. Das Hotel liegt direkt gegenüber vom PS.Speicher und ist thematisch genau darauf abgestimmt. Hier findet man Reifen und Autoteile, alte Fotografien von Fahrzeugen oder Motorräder als Dekorationsobjekte, alles im industrial Chic gestaltet. Ich glaube, ein vergleichbares Hotel wird man in Deutschland nicht finden. Daher empfehle ich das Hotel gerne. Zum Hotel gehört die Gastronomie “Genusswerkstatt”, die Speisekreationen waren hier sehr schmackhaft, aber sehr fleischlastig. Gegrilltes ist der Schwerpunkt des Restaurants, daher ist die Auswahl für Vegetarier sehr überschaubar.

Unbedingt probieren sollte man in der Hotelbar oder in der Genusswerkstatt den lokalen VON HALLERS GIN. Gebrannt wird der Gin natürlich mit Wacholder, aber auch mit Ingwer und Citrus, wodurch er einen fein-würzigen Geschmack hat.

Das FREIgeist-Hotel in Einbeck ist absolut individuell gestaltet, mit einer genialen Dachterasse.

Bauhaus in Niedersachsen – ein Geheimtipp

Die Gegend um Goslar, Einbeck und Celle kenne, dennoch waren mir die Bauhaus-Sehenswürdigkeiten bisher unbekannt. Von Goslar kannte ich die Kaiserpfalz, von Celle natürlich das Schloss der traurigen Liebschaften und natürlich die schönen Altstädte. Doch als ein Bauhaus-Zentrum habe ich Niedersachsen noch nicht gesehen. Umso interessanter war daher das Neuentdecken der Orte aus der Perspektive der Moderne. Ich vermute, vielen Bauhaus-Fans geht es ähnlich, sie kennen die Bauhaus-Museen und Gebäude in Weimar und in Dessau, vielleicht auch noch das Museum in Berlin oder sogar die Bauwerke in Tel Aviv. Die bedeutenden Bauhaus-Bauten in Niedersachsen sind aber vermutlich vielen unbekannt. Alleine schon die Bauhaus-Tour der Moderne in Celle ist einen Besuch wert, denn in der Fachwerkstadt kann man sehr viele Bauhaus-Gebäude entdecken. Die FAGUS-Werke und das Bergwerk Rammelsberg zählen zum UNESCO-Welterbe, auch das ist ein Grund, warum man die Orte anschauen könnte. Es lohnt sich, Bauhaus in Niedersachsen zu entdecken.

Der Beitrag entstand im Rahmen einer Pressereise in Zusammenarbeit mit der Tourismus Marketing Niedersachsen GmbH. Vielen Dank für die interessanten Erlebnisse!

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Erstellt am Januar 29, 2020

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