Der Report der Magd – das alles ist wirklich passiert!

Muss man heute noch für Frauenrechte oder für Gleichberechtigung kämpfen? Haben Frauen in den letzten 100 Jahren genug Gleichberechtigung erkämpft? Ja, wir haben sehr viel erreicht, doch die meisten Menschen machen sich nicht bewusst, wie zerbrechlich Demokratie ist. Wie stabil sind Frauenrechte in Zeiten, wo eine Partei Sanktionen für Frauen fordert, die sich “traditionellen Geschlechterrollen” nicht anpassen möchten oder wo ein Staatsoberhaupt mit sexueller Gewalt prahlt? Das Buch „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood und die derzeit auf Amazon Prime laufende Serie „The Handmaids Tale“ haben mich nicht nur verstört, sondern auch aufgerüttelt. In einem Interview hat Margaret Atwood erzählt, dass sie nichts erfunden hat, alles ist schon passiert und zwar nicht irgendwann in der fernen Vergangenheit, sondern im 20. Jahrhundert. Es hat mir Angst gemacht. Daher möchte ich Euch die Utopie auch ans Herz legen.

“The Handmaids Tale” – die Handlung

“Der Report der Magd”* ist ein Roman der in der heutigen Zeit spielt, in den 2000-ern, vielleicht etwas später. Durch die Rückblicke lässt sich die Zeit gut einordnen, als die Welt noch “normal” war. Durch einen Anschlag, angeblich von Islamisten verübt, wurden alle Mitglieder der Regierung getötet. Die neue Regierung wurde von einer militanten christlichen Vereinigung übernommen, vorerst nur kommissarisch, bis zur nächsten Wahl, doch es gab keine Wahlen mehr. Stattdessen änderte sich die Gesellschaft jeden Tag mehr. Berufstätige Mütter oder Frauen, die einen anderen Namen als der Ehemann hatten, wurden plötzlich gemobbt. Homosexuelle wurden erst diskriminiert, später wurden sie zu freiwild, konnten ohne Konsequenzen getötet werden. Dann wurde den Frauen Berufstätigkeit verboten und ihre Konten wurden eingefroren. Das Geld wurde auf die Konten der Männer transferiert. Willkommen in der Republik Gilead. Natürlich waren diese Maßnahmen notwendig, da die Bevölkerung schrumpfte, denn die Frauen bekamen zu wenige Kinder. Was folgte, war die Herrschaft der Männer über den Frauen. Frauen wurden ins Haus verbannt und durften sich nur um den Haushalt und die Familie kümmern. Es gab vier Kategorien von Frauen. Die Ehefrauen der Regierungsmitglieder waren privilegiert und wohlhabend (erkennbar an der Farbe grün (Serie)/blau (Buch). Dann gab es die Ehefrauen der einfachen Männer, (erkennbar an grauer Kleidung) und die Frauen für die niedrigen Hausarbeiten (dunkelgrau). Eine besondere Stellung hatten die Mägde (rot), denn ihre Aufgabe war es, Kinder für die Familien der Regierungsmitglieder zu gebären. Zuletzt gab es noch die Unfrauen, dazu gehörten die unfruchtbaren und Frauen nach den Wechseljahren, die keinen Beitrag für die Gesellschaft leisten konnten. Ihre Aufgabe war es, Giftmüll zu entsorgen.

Zwei Frauen

Die Hauptperson des Buches und der Serie ist Desfred, die Magd des Kommandanten Fred. Früher war sie erfolgreich berufstätig und Mutter – jetzt Gebärerin der Kinder eines hohen Regierungsbeamten. Die Ehe von Desfred wurde annulliert, denn es war ihre zweite Ehe. In Gilead war nur die Erstehe gültig. Ihre Tochter wurde ihr weggenommen, denn geschiedene haben einen schlechten Einfluss auf die Erziehung von Kindern. Egal ob die Frauen früher Ärztinnen oder Verkäuferinnen waren, sie müssen sich in ihre zugeteilten Rolle fügen.

Eine sehr interessanter Charakter des Buches und der Serie ist Serena Joy, einst eine Karrierefrau, die jedoch immer eine starke Befürworterin der traditionellen Frauenrolle war. Sie hat die Republik Gliead mitbegründet. Erst nach und nach wird dem Leser/Zuschauer bewusst, wie unglücklich sie durch die Entmündigung ist. Denn trotz der privilegierten Stellung als Ehefrau eines Kommandanten war sie völlig von ihrem Mann abhängig. Ihre Erkenntnis und Ernüchterung kam sehr langsam.

Warum unternimmt keiner etwas?

Zu Beginn habe ich mich gefragt, warum die Frauen nicht rebellieren, immerhin ist 50% der Bevölkerung weiblich. Die Frage wurde schnell beantwortet. Ungehorsam wird hart bestraft, mal verliert man ein Auge, mal eine Hand. Z.B. ist das Lesen für die Frauen von Gilead verboten, sie dürfen keine Bücher anrühren, sie dürfen keine Notizen oder Briefe schreiben. Wer dagegen das erste Mal verstößt, dem wird ein Finger abgeschnitten, beim nächsten Mal ist es die Hand. Massenhinrichtungen waren an der Tagesordnung, für Vergehen wie Masturbation oder falsche Religion, wie Katholizismus, wurde man hingerichtet.

Absolut sehenswerte Serie und unbedingt lesenswertes Buch

Ich habe zuerst begonnen, die Serie „The Handmaids Tale“* zu schauen, aber schon nach zwei Folgen habe ich zum Buch gegriffen, weil ich die Vorlage kennen wollte. Die erste Staffel der Serie ist sehr nah am Buch, es gibt nur kleine Abweichungen. Doch mit dem Ende der ersten Staffel endet auch das Buch. Die Serie ab Staffel 2 ist keine Idee von Margaret Atwood und dennoch so unglaublich aufrüttelnd. Sowohl beim Lesen des Buches als auch beim Schauen der Serie war ich aufgewühlt. Alles war so beklemmend. Es war gruselig zu sehen, wie schnell ein System kippen kann. Während ich sehr oft sage “Buch ist besser!” ist die Serie genau so gut wie das Buch. Nicht umsonst wurde die Serie mit 8 Emmy’s und mit dem Golden Globe ausgezeichnet.

“Der Report der Magd” – alles ist passiert.

In einer Arte-Doku über Margaret Atwood erzählte die Autorin, dass sie sich in dem Buch nichts ausgedacht hat, das alles ist schon passiert. Erschreckend war jedoch, dass es nicht irgendwann in finsterer Vergangenheit geschehen ist, sondern im 20. Jahrhundert. Margaret Atwood sprach von vielen Einflüssen, z. B. die Rassenpolitik der Nazis, Sekten oder radikalem Islam.

Großen Einfluss auf das Buch hatten Berichte über amerikanische radikale christliche Sekten. Voran fundamentalistische Mormonen (FLDS-Sekte), die sich offen zur Polygamie bekennen. Musik, Fernsehen, Bücher und Make-Up ist den Frauen verboten. Die jungen Frauen müssen sich den älteren und verheirateten Männern zur Verfügung stellen. Es gibt auch eine christliche Sekte, die Frauen Mägde nennt. In Gilead hat eine religiöse Sekte die Regierung exekutiert und die Staatsgewalt übernommen.

Die Nazis führten das Projekt „Lebensborn“ ein, dessen Ziel die Erhöhung der Geburtenziffer der arischen Bevölkerung war. Der Adel der Zukunft sollte „gezüchtet“ werden. Zunächst begann es als Projekt der Mütterfürsorge für ledige Mütter, um Abtreibungen zu verhindern. Erst nach dem Krieg ist bekannt geworden, dass die SS-Männer dazu angehalten wurde, außereheliche Beziehungen zu arisch einwandfreien Frauen zu unterhalten, mit dem Ziel, möglichst viele arische Kinder zu zeugen.

Auch das Schicksal der Mütter im kommunistischen Rumänien war grausam. Das Regime von Nicolae Ceausescu verbot Verhütungsmittel, Aufklärungsunterricht und Abtreibungen, um die Geburtenrate zu steigern. Das Ziel war eine 5-Kinder-Familie. Doch die Mehrheit der Menschen war so arm, dass sie nicht die Möglichkeit hatten, mehrere Kinder zu ernähren. Sehr viele Kinder kamen in Heime, wo sie an Unterernährung starben oder sie wurden zu Straßenkindern.

Wie schnell so ein Umsturz gehen kann, sieht man am Iran. Vor der Islamischen Revolution durften die Frauen im Iran wählen, Schulen und Universitäten besuchen, mussten sich nicht verhüllen. 1979 war es mit diesen Freiheiten vorbei, denn die Religion übernimmt die Macht. Die Politik im Iran wurde nach den Gesetzen des Koran geführt. Je mehr Macht die Mullahs bekamen, umso stärker schwindeten die Frauenrechte. Frauen mussten sich in der Öffentlichkeit verhüllen, wurden von „Sittenpolizei“ überwacht. Frauen durften keine öffentlichen Veranstaltungen besuchen und keinen eigenen Pass haben. 2014 wurde das Chatten zwischen nichtverwandten Frauen und Männern verboten. Eine liberale Monarchie hat sich in einen islamistischen Kirchenstaat verwandelt.

„The Handmaids Tale“ heute – der frauenfeindliche Rechtspopulismus

Beim Schreiben des Posts wurde mir mehr und mehr bewusst, dass Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht ist. Sexistische Sprüche gegenüber von Frauen sind inzwischen absolut gesellschaftsfähig, Mister Trump stellt seine Männlichkeit so recht häufig unter Beweis. AfD stellt sich offen gegen Scheidung und Abtreibung und plädiert dafür, dass die Frau nicht arbeiten geht und sich um die Kinder kümmert. Deutlich beunruhigender finde ich die Aussage der AfD, dass die “Bevölkerungsentwicklung nach wissenschaftlichen Kriterien koordiniert” werden soll, um der “Schrumpfung unserer angestammten Bevölkerung” entgegen zu wirken. Die PiS-Regierung in Polen macht eine Familienpolitik, bei der die Berufstätigkeit der Frau unattraktiv ist. Dagegen wurden Institutionen, die Opfern häuslicher Gewalt Hilfestellungen leisten, die finanziellen Mittel gestrichen. In Ungarn ist die Situation ähnlich.

Auch wenn ich nur noch selten über Bücher schreibe, war es mir wichtig, diesen Post zu verfassen. Vieles war für mich beängstigend und beklemmend, vor allem hat mir „Der Report der Magd“ gezeigt, wie brüchig unsere Gesellschaft sein kann. Es war mir ein Bedürfnis, das zu teilen.

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Kommentare (2)

  • Muss mir die Serie wirklich mal anschauen. Finde das Buch großartig. Und ich glaube anders als eine amerikanische Bekannte von mir nicht, dass so etwas in Amerika nie passieren könnte... (sie hasst das Buch deswegen).

  • Das ist schon etwas ignorant zu glauben, dass es in den USA nicht passieren kann. Ich befürchte, es kann überall passieren. Daher finde ich es so wichtig, dass viele das Buch lesen, denn das Szenario ist so erschreckend.