Dass ich neben Reisen Bücher liebe, wissen meine regelmäßigen Leser. Reisen ist derzeit schwierig, fürs Lesen habe ich aber umso mehr Zeit. Zu meinen liebsten Genres gehört die klassische Phantastik. Damit meine ich nicht die High Fantasy, die ich zwar auch sehr gerne mag, sondern die Phantastik der Vergangenheit, mit wenigen schaurigen oder übersinnlichen Elementen. Maurice Sandoz ist eine überraschende Entdeckung, ein fast vergessener Autor, den ich sehr interessant finde. Er sollte nicht in Vergessenheit geraten, daher der heutige Artikel.

Maurice Sandoz „Das Labyrinth“

Den Pharmakonzern Sandoz, zu dem Hexal und 1A Pharma gehören, kennen vermutlich sehr viele von Euch. Maurice-Yves Sandoz (1892-1958) war der Sohn des Gründers der Sandoz-Pharmawerke. Er war Schriftsteller, aber auch Wissenschaftler, Musiker und Weltreisender. Auch wenn er heute weitgehend unbekannt ist, wird er als einer der bedeutendsten Phantastikautoren der Schweiz gesehen. Sein Buch „Das Labyrinth“ erzählt von düsteren Familiengeheimnissen in einem schottischen Schloss. Das sind viele Gründe, dem Buch etwas Aufmerksamkeit zu schenken.

Ein vergessener Klassiker der Phantastik – Maurice Sandoz „Das Labyrinth“

Wer war Maurice Sandoz?

Maurice-Yves war der zweitgeborene Sohn des schweizer Pharmagründers Edouard Sandoz. Die Gründung der Sandoz-Werke ermöglichte der Familie ein Leben im großen Wohlstand. Maurice und seine Brüder konnten ihre Kreativität entfalten. Maurice strebte zuerst eine wissenschaftliche Karriere an, erst später widmete er sich dem Schreiben und der Musik. Zur Phantastik fühlte er sich aber schon seit seiner Jugend hingezogen, erfährt man im Nachwort des Buches. Sandoz war der ewig Reisende, pendelte zwischen Zürich, Rom, Lissabon und New York. Er war aber auch ein Dandy, oft extravagant, der gerne von schönen und teuren Sachen umgeben war. Er war mit vielen Künstlern befreundet, darunter mit Salvador Dali und Jean Cocteau, aber auch er war auch ein Außenseiter. Seine Reisen waren Entdeckungen, aber manchmal auch Fluchten.

„Das Labyrinth“ – Über das Buch

Auf den ersten Blick erinnert das Buch an eine klassische englische Schauergeschichte. Die Geschichte spielt überwiegend im Schloss Carven im Norden Schottlands. Das einsame Schloss wird nur vom Hausherren und wenigen verschwiegenen Dienern bewohnt. Gelegentlich kommen Besucher, aber nur sehr selten sind es Frauen – die sind zu neugierig. Der neue Schlossherr hat seinen Besitz gerade erst geerbt. Sofort hat ihn das verändert, er wurde verschlossen und trennte sich von seiner Verlobten. Seltsam ist, dass seit 200 Jahren keiner der Schlossherren von Carven verheiratet war. Die Erzählerin der Geschichte, Edith, ist eine der wenigen Frauen, die eine Einladung auf Schloss Carven bekommt. Im Schloss hört und beobachtet sie immer wieder seltsame Dinge, z. B. unmenschliche Laute, verschlossene Räume oder nächtliche Prozession zum Gartenlabyrinth.

Warum mir das Buch gefallen hat?

Ich liebe die Atmosphäre von klassischen Schauergeschichten. Wenn eine Geschichte in einem einsamen Schloss in Schottland spielt und mit einem Familiengeheimnis zu tun hat, ist sie prädestiniert dafür, mir zu gefallen. Vielleicht ist das der Einfluss der kitschigen „Romantic Thriller“, die ich in meiner frühen Teenie-Zeit aus dem Buchbestand meiner Großtante gelesen habe. Auch „Das Labyrinth“ von Maurice Sandoz hat durchaus einige Elemente eines Kitschromans. Die Erzählung ist aber nicht reißerisch oder plump. Die Spannung wird nur langsam aufgebaut, es gibt immer wieder Hinweise und seltsame Vorkommnisse, die aber nur wenig erklären. Das Buch lebt von der düsteren und geheimnisumwobenen Atmosphäre, die mir immer wieder einen leichten Schauer verursacht hat.

Für ein Kitchroman fehlt die „Frau in Gefahr“, die von einem heldenhaften Mann gerettet werden muss. Die Erzählerin ist sehr bestrebt, das Familiengeheimnis der Carvens zu entdecken und macht sich trotz zahlreicher Warnungen am Tag und in der Nacht auf die Suche. Ihr droht aber keine Gefahr.

Irritierend und etwas überflüssig fand ich, dass das Buch eine Erzählung in einer Erzählung ist. Die Erzählerin macht eine Kur in einem schweizer Berghotel und berichtet dort ihrer Bekannten von den seltsamen Ereignissen, die sie in Schottland erlebt hat.

Die Aufklärung am Ende hat mich sehr überrascht, denn obwohl es natürlich ein düsteres Familiengeheimnis ist, ist die Erklärung irrational, fast surreal. Das Buch endet mit einem Happy-End, dennoch wird der Leser im Unklaren gelassen. Die Auflösung erinnert mich ein wenig an Howard Phillips Lovecraft*, deutlich mehr aber an die Schauergeschichten von Montague Rhode James*. Das Unbegreifliche bleibt bestehen.

Das Buch von Maurice Sandoz „Das Labyrinth“* ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Erstellt am Dezember 22, 2020

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