Die sagenumwobene Irminsul taucht in sehr vielen Legenden aus Ostwestfalen auf. Ob beim Wandern, beim Erkunden von Burgruinen oder in Museen – der Irminsul bin ich schon oft begegnet. Ich wohne in einer mystischen Gegend. Jedes Mal haben mich die Legenden mehr fasziniert und ich wollte mehr über die Irminsul erfahren. Die verschiedenen Theorien und Sagen möchte ich mit euch teilen, daher werde ich den heutigen Artikel dem legendären germanischen Heiligtum widmen. In Westfalen und im nördlichen Sauerland gibt es gleich mehrere Orte, die als mögliche Standorte der Irminsul gelten. Es sind heidnische Kultplätze und Kraftorte, aber auch legendäre Burgruinen. In diesem Artikel erfahrt ihr, was die Irminsul bzw. Irminsäule war, und erhaltet eine Übersicht über die vermuteten Standorte.

Die Irminsul war vermutlich ein frühmittelalterliches Heiligtum der sächsischen Stämme. Es wird vermutet, dass es sich entweder um einen mächtigen Baum oder eine gewaltige Holzsäule gehandelt hat, doch was die Irminsul genau war, weiß heute niemand. Der Name soll aus dem Germanischen stammen: „irmana” bedeutet „groß” und „sul” bedeutet „Säule”. Es kann sein, dass es nur eine Irminsäule gab. Es ist aber auch möglich, dass es mehrere Heilige Säulen an verschiedenen Kultplätzen gab. Nachbildung aus Stein existieren, doch die Verwendung von Steinen war im Frühmittelalter bei den germanischen Stämmen äußerst selten, weshalb die Vermutung naheliegt, dass es sich um ein oder mehrere Holzelemente gehandelt hat.
Ihr seht, Wissen über die Irminsul und wissenschaftliche Beweise für ihre Existenz sind sehr rar. Fast alles sind Sagen und Legenden. Dokumentiert ist lediglich die Zerstörung der Irminsul durch Karl den Großen. Diese wurde im Jahr 772 in den Annalen des Fränkischen Reiches festgehalten. Die von Karl dem Großen zerstörte Irminsul befand sich vermutlich in der Nähe der Eresburg bei Marsberg. Im Zuge der Christianisierung ließ Kaiser Karl sehr viele germanische Kultstätten zerstören, darunter angeblich auch die Irminsul.
Bäume hatten früher eine unglaubliche symbolische Bedeutung und haben sie immer noch. Ein Baum galt als Bindeglied zwischen Menschen, Göttern und der Unterwelt. Seine Wurzeln reichen oft in die Unterwelt, also in die Hölle oder das Reich der Toten. Die Baumkrone ragt hingegen in Richtung der Götter im Himmel. Der kraftvolle Stamm symbolisiert unsere Welt und die Menschheit. Ein Beispiel dafür ist der Weltenbaum Yggdrasil aus der nordischen Mythologie. Aber auch bei den Maya gab es mit dem Ceiba-Baum ein ähnliches Konzept.
Der Baum steht aber auch für Unsterblichkeit und Wiedergeburt, da er oft sehr viele Menschengenerationen überlebt. Früher glaubten die Menschen, dass es unsterbliche Bäume gibt, die jedes Jahr wieder auferstehen. Sie glaubten, dass die Bäume Sitze von Geistern sind. Die Kelten waren der Meinung, dass Eichen ein Tor zur Anderswelt verbergen, und afrikanische Völker hielten oft ihre Versammlungen unter einem Affenbrotbaum ab.
Und zuletzt bringen Bäume auch Erleuchtung und Erkenntnis. So wurde Siddhartha Gautama unter einem Baum zum Buddha. Auch Eva aß den Apfel vom Baum der Erkenntnis. Ich habe schon unter drei Apfelbäumen gesessen, unter denen Isaac Newton angeblich saß, als ihm der Apfel auf den Kopf fiel und er die Schwerkraft entdeckte.
Einer der heiligen Bäume soll einst in Ostwestfalen oder im Sauerland gestanden haben. Im weiteren Verlauf des Artikels erfahrt ihr, welche Orte als potenzielle Standorte der Irminsul vermutet werden und welche Legenden sich um diese Plätze und den heiligen Baum ranken.
Die Umgebung der Eresburg bei Marsberg gilt als einer der wahrscheinlichsten Standorte der Irminsul. Dieser Ort wird nämlich in den Fränkischen Reichsannalen im Zusammenhang mit der Zerstörung durch Karl den Großen erwähnt. Die Eresburg war die größte bekannte Burg der sächsischen Stämme und die bedeutendste Burg der Westfalen. Sie thronte auf dem Eresberg über der Diemel.
Die Eresburg war die Stammburg der Cherusker. Karl der Große soll sie im Zuge der Christianisierung erobert und die dortige Irminsul zerstört haben. Nachweislich war Karl der Große mehrfach auf der Eresburg. Die einzige dokumentierte Zerstörung der Irminsul wird mit der Eresburg in Verbindung gebracht. Doch von der Eresburg ist heute nichts mehr erhalten geblieben, es war eine Holzburg.

Die Externsteine im Teutoburger Wald üben seit Jahrtausenden eine magische Anziehungskraft auf Menschen aus. Entsprechend viele Sagen und Legenden ranken sich um die Felsformation. Schon sehr lange wird vermutet, dass sich dort ein germanischer Kult-, Kraft- oder Versammlungsort befand, nachgewiesen wurde dies jedoch nicht.
In den unteren Bereich eines der imposanten Steine ist ein Kreuzabnahme-Relief eingemeißelt. Das recht große Relief stammt aus dem Mittelalter, vermutlich aus dem 11. oder 12. Jahrhundert. Es zeigt die Abnahme Jesu vom Kreuz. Darauf ist ein umgeknickter Baum zu sehen, den manche als die Irminsul identifizieren. Diese Darstellung wird als Sieg des Christentums über den Heidentum interpretiert, da das heilige Symbol der Germanen umgeknickt ist.
Die Nationalsozialisten führten in der Gegend der Externsteine umfassende archäologische Grabungen durch, um einen germanischen Kultplatz nachzuweisen. Dies gelang ihnen jedoch nicht.

Es gibt gleich zwei Berge namens Velmerstot, die nur wenige Gehminuten voneinander entfernt sind. Der preußische Velmerstot ist jedoch wenige Meter höher als der lippische Velmerstot. Am höchsten Berg des Teutoburger Waldes soll einst die Irminsäule gestanden haben. Heute steht dort ein Aussichtsturm. Doch das sind nur Legenden. Die beiden Velmerstots gelten seit Jahrhunderten, wenn nicht gar seit Jahrtausenden, als Kraft- und Versammlungsorte. Für mich ist der Lippische Velmerstot eindrucksvoller, denn die mächtige Steinformation auf seiner Spitze ist einzigartig.

Die Burg Desenberg zählt zu den sagenhaftesten Orten in Ostwestfalen. Eine Vielzahl von Legenden rankt sich um die Burgruine und den spitzen Berg Daseberg. So soll am Fuße des Berges einst ein schrecklicher Drache gelebt haben und im Desenberg soll Karl der Große ruhen, um irgendwann wieder aufzuerstehen. Der Desenberg war einst möglicherweise ein Kultort der germanischen Stämme. Aufgrund seiner markanten Lage – der Desenberg ist ein ehemaliger Vulkan – und seiner strategischen Bedeutung wird dieser Ort auch mit der Irminsul in Verbindung gebracht.
Es ist nachgewiesen, dass bereits im frühen Mittelalter Menschen um den Desenberg siedelten. Bei archäologischen Ausgrabungen im Jahr 1995 wurde der „Daseburger Kreisgraben” entdeckt. Am Tag der Sonnenwende konnte man im Mittelpunkt der Kreisanlage beobachten, wie die Sonne direkt hinter dem Bergkegel unterging. In zwei Löchern fand man Keramikscherben und Reste von verbrannten Tierskeletten. Der Kreisgraben ist jedoch vermutlich deutlich älter als die Irminsul und soll 4600 Jahre vor Christus erbaut worden sein. Später, im frühen Mittelalter, lebten dort die Germanen. Eine menschliche Besiedelung des Ortes und eine Nutzung als Kultstätte über Jahrhunderte hinweg ist anzunehmen.
Erfahrt mehr über die Daseburg und die Sagen und Legenden des Ortes in meinem Artikel: Desenburg bei Warburg

Von der Iburg sind nur noch wenige Mauern als Ruinenreste erhalten. Und dennoch gehört die Iburg zu meinen Lieblingsorten in Ostwestfalen – vielleicht ist es sogar mein Kraftort. Zumindest ist es mein Lieblingsort, um in sagenhafter Umgebung Bärlauch zu sammeln.
Auch die Iburg zählt zu den sächsischen Burgen, die im Zuge der Christianisierung eine wesentliche Rolle spielten. Sie wurde vermutlich im 7. oder 8. Jahrhundert als sächsische Wallburg errichtet. Obwohl die Burganlage überwiegend aus Holz bestand, sind noch einige Kalksteinmauern aus dieser Zeit erhalten, die vermutlich als Fundament dienten. Karl der Große zerstörte die Burganlage im Zuge der Christianisierung und errichtete an ihrer Stelle eine Kirche. Von dieser uralten Petruskirche bzw. Kapelle sind noch die Grundmauern erhalten. Im Jahr 772 zerstörte Karl der Große die Iburg. In diesem Jahr soll er auch die Irminsul zerstört haben. Daher besteht die Annahme, dass sich die Irminsul auf dem Gelände der Iburg oder in deren Nähe befunden haben könnte.
Auch über die Iburg habe ich schon einen Artikel veröffentlicht: Geheimnisvolle Ruine Iburg bei Bad Driburg

Der Tönsberg ist wie der Burgberg der Iburg, der Desenberg oder der Velmerstot eine markante und von weitem sichtbare Erhebung. Auch auf dem Tönsberg befand sich einst eine sächsische Burg, die während der Christianisierung zerstört wurde. Bis heute sind die Wallanlagen der Burg erkennbar. Der Tönsberg soll außerdem ein Kult- oder Kraftort gewesen sein.
Auf dem Tönsberg kann man heute noch die Ruinen der Antoniuskapelle bewundern. Diese wurde allerdings erst im 15. Jahrhundert erbaut. Eine urkundliche Erwähnung der Irminsul im Zusammenhang mit dem Tönsberg existiert nicht. Die Theorie, dass die Irminsul auf dem Tönsberg gestanden haben soll, stammt angeblich erst aus den 1930er Jahren.
Rund um den Tönsberg kann man wunderbar wandern, daher kommt hier eine Wanderempfehlung zur Kapellenruine: Wandern im Teutoburger Wald rund um den Tönsberg

Unweit von Willebadessen, an den Teutoniaklippen mitten im Wald, befindet sich eine mystische Höhle. Die Durdenhöhe ist nach den aus der germanischen Mythologie stammenden Druden benannt. Das waren weise Frauen, Schicksalsgöttinnen oder Hexen – je nach Auslegung. Dabei muss ich an die drei Hexen oder Weissagerinnen aus „Macbeth“ von Shakespeare denken. In der Drudenhöhle sollen drei dieser Drudenfrauen ruhen.
Nur wenige Meter von der Drudenhöhle liegt die Karlsschanze, eine weitere ehemalige sächsische Burganlage, an die heute nur noch einige Wallanlagen erinnern. Auch hier wird ein Standort der Irminsul vermutet, doch auch das scheinen eher neuere Theorien zu sein.
Eine andere Legende über die Drudenhöhle hat mich aber noch mehr fasziniert. Vielleicht habt Ihr schon von der blauen Blume, dem Sehnsuchtsobjekt der Romantiker gehört? Am bekanntesten ist vermutlich die Beschreibung in Roman “Heinrich von Ofterdingen” von Novalis. Es wird erzählt, dass die blaue Blume alle 100 Jahre in der Drudenhöhle bei Willebadessen blüht.
Die Gegend um die Drudenhöhle und die Karlsschanze ist perfekt zum Wandern. Hier findet Ihr meine Wanderempfehlung: Wanderung zu den mystischen Stätten im Eggegebirge.

Während alle bisher genannten potenziellen Standorte der Irminsul in einem Umkreis von 50 bis 60 Kilometern liegen, entfernen wir uns nun etwas in östlicher Richtung. Unweit von Hildesheim, in der Gemeinde Lamspringe, befindet sich das Dorf Irmenseul. Schon der Name des Dorfes könnte ein Hinweis auf die Irmensäule sein. Stand die Irminsul etwa in Niedersachsen? Darüber gibt es heute nur Legenden. Einige berichten von der Rettung der Irminsul. Um das Heiligtum vor den Truppen Karls des Großen zu schützen, sollen die Sachsen mit der Säule nach Osten geflohen sein und sie dort versteckt haben, wo sich heute das Dorf Irmenseul befindet. Später soll die Irminsul im Hildesheimer Dom aufbewahrt worden sein. Im Chor des Hildesheimer Doms befindet sich bis heute eine Säule, die Irminsäule genannt wird. Diese ist allerdings aus Stein. Die Einbettung des größten germanischen Heiligtums in ein christliches Gebäude könnte wirkungsvoller gewesen sein als eine Zerstörung.
Die Germanen hatten kaum eine Schrift. Es ist bekannt, dass sie ab dem 2. Jahrhundert Runen nutzten, um beispielsweise Waffen zu beschriften. Doch Schriftstücke, Annalen, Berichte oder gar Bücher hatten sie nicht. Sie haben ihre Geschichte und Geschichten mündlich überliefert. Dieses Wissen ist verloren gegangen, es gibt nur die Berichte der Franken, die nicht positiv über die germanischen Stämme sprechen. Auch die Burgen und Siedlungen aus dieser Zeit sind nicht mehr erhalten. Sie waren aus Holz erbaut. Daher ist das Wissen über das Leben, die Kultur und die Religion der Germanen sehr lückenhaft. Diese Lücken schließen die Fantasie sowie die vielen Sagen und Legenden. Doch gerade das macht Ostwestfalen so besonders! Es gibt nur wenige Regionen in Deutschland, über die sich so viele Legenden ranken. Viele der im heutigen Artikel genannten Orte sind sehr sehenswert und perfekt für einen Ausflug geeignet. Wenn ihr mehrere Tage Zeit habt, umso besser, denn die meisten potenziellen Standorte der Irminsul liegen nicht weit voneinander entfernt.
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Mehr InformationenWikipedia: Irminsul
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